In Schildow ist evangelisch und katholisch nur durch die B96a getrennt – und auch das wollen die Gemeinden überwinden. Keine 200 m hinter dem Tegeler Fließ und der Grenze zwischen Berlin und Brandenburg entwickelt sich ein ökumenisches Projekt mit Vorbildcharakter.
Sie kennen sich schon lang, die Evangelische Christophorus-Kirchengemeinde an der Mönchmühle und die Katholische Gemeinde St. Katharinen in der Pfarrei St. Franziskus Reinickendorf Nord. Beide Schildower Gemeinden haben schon Fusionen innerhalb ihrer Kirche hinter sich.
Künftig soll es nur noch eine Kirche in Schildow geben. Die Wahl war naheliegend: Während die katholische Kirche in einen ehemaligen Gasthof eingebaut ist, ist die evangelische Kirche – schräg gegenüber – eine typische rote Backsteinkirche (1896/1897) mit großem Kirchturm und neuen Glocken, frisch renoviert und mit einem großen Gemeindehaus dazu.
Die Grundlagen dafür haben sie schon lange gelegt. Seit 1983 bereits feiert man gemeinsam den Weltgebetstag, beim ökumenischen Martinsumzug saß schon auch mal eine evangelische Martina auf dem Pferd und teilte den katholischen Martinsmantel. Beide Traditionen sind nach wie vor lebendig, beim Martinsfeuer ist mittlerweile auch die Kommune mit dabei, die Feuerwehrjugend sorgt für Ordnung.
Würde man das Schildower Projekt wie eine Paar-Beziehung beschreiben, dann planen die Beiden schon zusammenzuziehen. „Wir fühlen uns sehr willkommen!“, beschreibt Jutta Pacholleck, Küsterin, Kommunikatorin und der gute Geist der Gemeinde St. Katharinen die Gastfreundschaft der evangelischen Gemeinde. Gerade sind sie noch dabei, das Verhältnis auch rechtlich und finanziell zu klären, denn „ob wir zusammengehen, ist keine Frage mehr, sondern wie“, so Diakon Martin Figur, der die „AG Zukunft St. Katharinen“ zusammen mit der Gemeindereferentin Lucia Ring pastoral begleitet. Gemeinsam mit dem Bauausschuss von St. Franziskus arbeiten sie – im Hintergrund – an einem Nutzungsvertrag, der möglichst flexibel und an den jeweiligen Bedürfnissen orientiert formuliert ist.
Was dann wieder bei einem Paar ist, das es ernst meint: beide Gemeinden machen strenge Inventur. Nicht alles braucht man doppelt, manches auch gar nicht mehr. Ein Flohmarkt auf dem Hof von St. Katharinen soll Entlastung bringen. Und auch in der evangelischen Kirche und im Gemeindehaus auf der anderen Straßenseite wird mehr Platz für künftig mehr Nutzer gebraucht.
Und die katholische Gemeinde will – wie bei einer modernen Beziehung üblich – ihren Namen behalten. Die Heilige Katharina von Alexandrien wird ihre Patronin bleiben. „Und vielleicht gibt es auch einen Platz für eine Marienstatue in der evangelischen Kirche“, hofft Dr. Michael Jansen vom Kirchenvorstand von St. Franziskus. Geplant sind zudem zwei Schaukästen mit den Veranstaltungen einer jeden Gemeinde, auch wenn manches sich dann doppeln wird. Den Beichtstuhl werden die Katholiken nicht umziehen, zwei Stühle in der Sakristei bieten die Möglichkeit zum Beichtgespräch.
Der evangelische Pfarrer freut sich besonders, dass die Katholiken eine Sakristei brauchen. Die kann er dann auch nutzen als Raum der Besinnung vor dem Gottesdienst. Ein Raum unter dem Kirchturm ist bereits leergeräumt, ein neuer Schrank soll Platz bieten für einen Tresor, der dann auch als – katholischer Tabernakel dient. Bernhard Hasse, Pfarrer der Evangelischen Christophoruskirchengemeinde für Schildow und Mühlenbeck hat als eine Art Logo für das Projekt die Bronzeplastik „Ökumene“ von Bildhauer Werner Franzen aus dem Altenberger Dom ins Spiel gebracht: Der Gekreuzigte neigt sich vom Kreuz und nimmer gleichsam Bernhard von Clairvaux und Martin Luther in die Arme. Die ehemalige Zisterzienserabteikirche Altenberg wird schon seit 1857 von der evangelischen und der katholischen Kirchengemeinde gemeinsam genutzt. Eine ähnliche Praxis gibt es auch im benachbarten Hohen Neuendorf.
Und Weihrauch? Ist der intensive Dampf den evangelischen Schwestern und Brüdern zuzumuten? „Solange ich hier Küsterdienste mache, gab es keinen einzigen Gottesdienst mit Weihrauch“, beteuert Jutta Pacholleck. Nach längerem Überlegen erinnert man sich, dass zum Erntedankfest unter freiem Himmel Weihrauch zum Einsatz kam, auch die Kirchenältesten bleiben entspannt. Er scheint demnach nicht kirchentrennend zu sein, jedenfalls nicht in Schildow
Und auch das Weihwasser fürchtet bekanntlich nur der Teufel selbst. Da sich die Katholiken aber sehr bewusst sind, dass es sich um eine katholische Tradition handelt, hat man sich schon nach einem mobilen und reversiblen Weihwasserständer umgeschaut.
Bei aller großen ökumenischen Selbstverständlichkeit erinnern sich die Schildower aber auch an andere Zeiten, wo schon der Besuch der evangelischen Kirche als Sünde galt und das größte Kompliment war „Der ist zwar Katholik, aber ein sehr netter Mensch.“ Vergessen ist auch nicht, dass es Vorbehalte gibt, nicht mehr gegen die evangelischen Nachbarn an sich aber dagegen, den eigenen Standort aufzugeben, in dem man auch in widrigen Zeiten seinen Glauben bekannt hat, auch wenn die Räumlichkeiten bis heute improvisiert wirken. Die einen werden sich freuen, künftig auch für den katholischen Gottesdienst in eine „richtige“ Kirche gehen zu können, man denkt vor allem an viele junge Familien, die ins Mühlenbecker Land gezogen sind; andere haben schon angekündigt, sich mit dem Umzug auch aus der Gemeinde zu verabschieden. Noch besteht die Hoffnung, es sei nicht das letzte Wort, aber man ist sich schon sehr bewusst, dass man auch Mitglieder verlieren wird. Auch mit Trauer und Wut wird gerechnet.
Deswegen wollen beide Gemeinden – jede für sich – noch einmal eine Gemeindeversammlung machen und für die ökumenische Beziehung werben.
Diakon Martin Figur hilft dabei ein Blick in die Bibel: „Abraham, Mose, sie alle mussten sich auf den Weg machen, Kirche ist immer Pilgerschaft. Bei uns führt der Pilgerweg nur einmal über die Straße und nicht in eine ungewisse Zukunft, sondern in eine weit geöffnete Tür!“
Markus Rottmann Gemeindekirchenrat, Evangelische Christophorus-Kirchengemeinde an der Mönchmühle, Kirchenältester für Schildow; Jutta Pacholleck, Gemeinde St. Katharina, Schildow; Dr. Michael Jansen, Kirchenvorstand und Bauausschuss St. Franziskus; Dr. Renate Ehrke, Kirchenälteste; Martin Figur, Ständiger Diakon im Zivilberuf, Pfarrei St. Franziskus
Stefan Förner
Pressesprecher Erzbischöfliches Ordinariat Berlin